Spuckrituale und Igel Ekstase
Igel sehen harmlos aus, doch haben sie einen unappetitlichen Tick: Wenn sie sich aufregen, beginnen sie sich selber zu bespucken. "Zweifellos handelt es sich um einen Instinkt, dessen biologische Bedeutung uns jedoch nicht völlig klar ist", sagt Igelforscher Martin Eisentraut. "Kommt ein Igel mit bestimmten, charakteristisch schmeckenden oder riechenden Stoffen, besonders solchen, die ihm neu und ungewohnt sind, in Berührung, beginnt er lebhaft interessiert, sie zu belecken und gegebenenfalls mit dem Maul aufzunehmen und durchzukauen. Er steigert sich dabei in einen Erregungszustand und sondert reichlich Speichel ab, mit dem er durch Kaubewegungen das Ganze in eine schaumige Masse verwandelt.
Nach geraumer Zeit wendet das Tier seinen Kopf unter eigenartigen Verrenkungen nach hinten und spuckt oder besser schleudert mit der lang hinausschnellenden Zunge den Speichel auf sein Stachelkleid. Meist wiederholt der Igel den Spuckakt mehrmals, mitunter sogar 40- bis 50-mal, wobei er dann gewöhnlich beide Körperseiten und verschiedene Partien seines Stachelkleides einspeichelt." Das weckte die Neugier der Forscher. Wussten sie schon nicht, warum die Igel sich so gebärdeten, so wollten sie wenigstens wissen, welche Substanzen die Igel zur schäumenden Raserei brachten. Also setzten sie ihnen Leim, Hyazinthen, Parfüm, Seife, Druckerschwärze, Baldriantinktur, faulende tierische Stoffe, Krötenhaut und andere Igel vor. Ausserdem bepusteten sie die Igel mit Lackdämpfen und Zigarrenrauch. In allen Fällen bespuckten sich die Igel mehr oder weniger stark.
Eisentraut besorgte sich nun Tiere aus völlig anderen Gegenden der Welt, nämlich aus Äthiopien und dem Iran. Als er ein noch blindes äthiopisches Jungtier aus dem warmen Körbchen nahm, geschah es: "Als der Jungigel mit etwas aufgerichteten Vorderfüssen über den Tisch zu kriechen begann, kam er mit meiner Tabakpfeife in Berührung, leckte mit zunehmendem Interesse am Mundstück und führte daraufhin das typische Selbstbespucken vor, indem er den Kopf scharf einmal nach rechts, dann nach links wendete und mit der vorgestreckten Zunge schaumigen Speichel auf die seitlichen Rückenstacheln absetzte. Nach kurzer Zeit hatte er sich abreagiert und kroch weiter."
Das Bespucken ist deswegen so interessant, weil kein anderes Säugetier ein derartiges Verhalten zeigt. Vielleicht ähnelt es dem Verhalten von Hunden, die sich in stark riechenden Substanzen wälzen, oder dem Einemsen von Vögeln. Dabei nehmen Vögel herumlaufende Ameisen mit dem Schnabel auf und reiben sie ins Gefieder. Das kann so weit gehen, dass sich die Tiere mit halb geöffneten Flügeln auf einen Ameisenhaufen legen. Auch hier ist eine steigende Erregung der Tiere zu beobachten, und auch hier lassen sich die Tiere mit anderen Substanzen foppen: Zitronensaft, Orangen, Essig, Apfelstücken und ähnlich Saurem.
"Der positiv gefühlsbetonte Erregungszustand kann sich bis zu einer Ekstase steigern", merkt Eisentraut an. "Vögel können aber mit Ersatzobjekten vorlieb nehmen. Es liegen Beispiele dafür vor, dass ein Vogel nur so tut, als nähme er Ameisen auf und streiche sie gegen das Gefieder.
Beim Igel wie beim Vogel kommen recht merkwürdige Körperverrenkungen vor, die so weit gehen, dass das Tier mitunter das Gleichgewicht verliert und seitlich umkippt."
Quelle: Martin Eisentraut (1953): Vergleichende Beobachtungen über das Sichbespucken bei Igeln. In: Zeitschrift für Tierpsychologie, Nr. 10, S. 50-55
Nach geraumer Zeit wendet das Tier seinen Kopf unter eigenartigen Verrenkungen nach hinten und spuckt oder besser schleudert mit der lang hinausschnellenden Zunge den Speichel auf sein Stachelkleid. Meist wiederholt der Igel den Spuckakt mehrmals, mitunter sogar 40- bis 50-mal, wobei er dann gewöhnlich beide Körperseiten und verschiedene Partien seines Stachelkleides einspeichelt." Das weckte die Neugier der Forscher. Wussten sie schon nicht, warum die Igel sich so gebärdeten, so wollten sie wenigstens wissen, welche Substanzen die Igel zur schäumenden Raserei brachten. Also setzten sie ihnen Leim, Hyazinthen, Parfüm, Seife, Druckerschwärze, Baldriantinktur, faulende tierische Stoffe, Krötenhaut und andere Igel vor. Ausserdem bepusteten sie die Igel mit Lackdämpfen und Zigarrenrauch. In allen Fällen bespuckten sich die Igel mehr oder weniger stark.
Eisentraut besorgte sich nun Tiere aus völlig anderen Gegenden der Welt, nämlich aus Äthiopien und dem Iran. Als er ein noch blindes äthiopisches Jungtier aus dem warmen Körbchen nahm, geschah es: "Als der Jungigel mit etwas aufgerichteten Vorderfüssen über den Tisch zu kriechen begann, kam er mit meiner Tabakpfeife in Berührung, leckte mit zunehmendem Interesse am Mundstück und führte daraufhin das typische Selbstbespucken vor, indem er den Kopf scharf einmal nach rechts, dann nach links wendete und mit der vorgestreckten Zunge schaumigen Speichel auf die seitlichen Rückenstacheln absetzte. Nach kurzer Zeit hatte er sich abreagiert und kroch weiter."
Das Bespucken ist deswegen so interessant, weil kein anderes Säugetier ein derartiges Verhalten zeigt. Vielleicht ähnelt es dem Verhalten von Hunden, die sich in stark riechenden Substanzen wälzen, oder dem Einemsen von Vögeln. Dabei nehmen Vögel herumlaufende Ameisen mit dem Schnabel auf und reiben sie ins Gefieder. Das kann so weit gehen, dass sich die Tiere mit halb geöffneten Flügeln auf einen Ameisenhaufen legen. Auch hier ist eine steigende Erregung der Tiere zu beobachten, und auch hier lassen sich die Tiere mit anderen Substanzen foppen: Zitronensaft, Orangen, Essig, Apfelstücken und ähnlich Saurem.
"Der positiv gefühlsbetonte Erregungszustand kann sich bis zu einer Ekstase steigern", merkt Eisentraut an. "Vögel können aber mit Ersatzobjekten vorlieb nehmen. Es liegen Beispiele dafür vor, dass ein Vogel nur so tut, als nähme er Ameisen auf und streiche sie gegen das Gefieder.
Beim Igel wie beim Vogel kommen recht merkwürdige Körperverrenkungen vor, die so weit gehen, dass das Tier mitunter das Gleichgewicht verliert und seitlich umkippt."
Quelle: Martin Eisentraut (1953): Vergleichende Beobachtungen über das Sichbespucken bei Igeln. In: Zeitschrift für Tierpsychologie, Nr. 10, S. 50-55

0 Comments:
Kommentar veröffentlichen
<< Home